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Für uns Kinder war die bunte, lichterreiche Pappmaché -Stadt ein Ort des vergnüglichen Genusses und des Abenteuers, ein Traumkarussell, ein Jahrmarkt skurriler, furchteinflößender Gestalten.

Hier haben wir zukünftige Höhenflüge geprobt, gegen Riesen und Gespenster gekämpft, ohne wirklich verlieren zu können, geliebte Süßigkeiten ohne Maß verschlungen.

Das Hupen, Klingeln, Leuchten, Schreien verdrehte unsere Köpfe, hielt uns in kribbelnder Aufregung, gab uns endlos Stoff für Träume, Mutmaßungen und Gespräche. Unsere Sinne wurden auf das Gröbste beansprucht vom Juchzen des Schlagerkinderstars, Blasmusik, Leierkasten, neuer deutscher Welle, Techno oder einfach einer Feuerwehrsirene, von Geruch des Bratöls, des gebrannten Zuckers, von Rundumleuchten, Stroboskoplicht und Neonfarben. Es war herrlich, berauschend, einfach grandios und eines Tages vorbei.

 

Als Großer kehrte nur zurück, wer Freude daran hatte, den eigenen Kindern einen so aufregenden wie gefahrlosen Blick in die vermeintliche Erwachsenenwelt zu gewähren, oder, wer sich - wenn schon nicht den Farbenreichtum – so doch die Einfältigkeit der kindlichen Phantasie erhalten hatte.

In Massen strömten die einen und zahlreicher noch die anderen aufs Gelände der bunten Scheinwelt und suchten nach Spaß um seiner selbst willen. Das Kreischen, das die Realität vertreiben wollte, die allzu billige Fassade Potemkinscher Dörfer, der Nervenkitzel, der manchmal zu Übelkeit wurde, hinterließen leere Portmonnaies und verschämte Peinlichkeit.

 

Nun blicke ich über den menschenleeren, verwitterten Platz auf blasse Fassaden-reste, höre die ersten Vogelstimmen in den noch kahlen Ästen und leise, von ganz hoch oben, das Brummen eines Flugzeuges. Die Zweige recken sich durch das rostige Skelett der Achterbahn, unter den Wolken schaukelt eine Gondel des Riesenrades immer an gleicher Stelle im ...

Rhythmus des Windes. Märchenhütten mit leeren Fensteraugen, winzige Boote mit langen Schwanenhälsen, das Wrack eines nie gesegelten Wikingerbootes, einst auf Schienen fahrende Hüte, die zersplitterten, verbeulten, verwitterten Reste einer Vergnügungsindustrie, Fun-Müll. Weitläufig verstreut auf dem Gelände eines künstlich angelegten Waldes, dessen Laubbäume und Sträucher, obwohl inzwischen hoch gewachsen und jahrelang gewuchert, am Ende des Winters ebenso trostlos aussehen wie die verlassenen und kaputten Spaßmaschinen. Natur und Zivilisationsschrott harmlos bis romantisch, farbentblättert und trist bis deprimierend. Läßt sich eine sorglose, entwicklungsgestörte und unter der schillernden Oberfläche dahinrottende Gesellschaft besser symbolisieren als durch diesen Ort?

 

Nirgendwo sind Menschen zu sehen. Doch, einer. Ein schmaler Junge. Nein, ein Mädchen, eine Frau vielleicht. Verloren irgendwie, schutzlos, verletzbar wirkt sie. Gleichzeitig trotzig, unnachgiebig, ein wenig aggressiv sogar kommt sie mir entgegen, …

Peter Leukert     -     Fotografie     -     peter.leukert(at)onlinehome.de      -       +049(152) 046 38 231